Stefanie Rudolph

Leinen - die Textilfaser mit der längsten Geschichte

und warum sie sowohl zeitgemäss als auch zukunftsträchtig ist.

Der Ursprung vom Leinen Gewebe


Im alten Ägypten erfreuten sich Leinenfasern und die aus ihr hergestellten Gewebe derart großer Beliebtheit, dass Leinen gar als Währung gehandelt wurde. So überrascht es nicht, dass ein Leinenhemd - eine Grabbeigabe - aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. sich als das älteste gewebte Kleidungsstück auf dieser Welt erwies. Technisch und stilistisch betrachtet hat sich seitdem allerdings so einiges getan.

Linen Fashion Woman

Nachdem Leinen zeitweise durch das Aufkommen von Baumwolle und später auch synthetischen Fasern zeitweise weniger Beachtung geschenkt wurde, hat es seit den 90er Jahren Schritt für Schritt seinen Weg zurück in unsere Garderobe gefunden und dabei wieder bewiesen, dass seine hervorragenden Eigenschaften nicht nur zur Mumifizierung oder für Heimtextilien wie Bettwäsche oder Tischdecken dienlich sind, sondern auch für High End Fashion.

Vergesst labbrige Landhausmode und all die anderen Klischees, die dieses Gewebe bedient - Leinen wird überraschend vielseitig in der Mode eingesetzt kann sich dort durchaus sehen lassen.

Nicht nur, dass Leinen über eine Reihe großartiger Eigenschaften verfügt, diese Faser ist zudem eine rein natürliche und somit nachhaltige. Das dürfte ihr gerade bei der jetzigen Generation, die mehr und mehr zum Lifestyle of Health and Sustainability übergeht und den dazugehörigen Wandel im Konsumentenverhalten prägt, mehr als zugute gekommen. Trotzdem liegt der Anteil von Leinen am weltweiten Faseraufkommen lediglich bei zwei Prozent, was 2. Mio. Tonnen Leinenproduktion jährlich ausmacht. Zu den den größten Anbaugebieten gehören China, die EU (insbesondere Belgien und Frankreich) sowie Russland- und Weissrussland, die Ukraine und nicht zuletzt Ägypten. Besonders an der Leinenfaser ist folglich, dass sie die einzige Naturfaser ist, die in kontrolliert biologischer Qualität aus heimischem Anbau (Westeuropa) auf dem Markt verfügbar ist.

Linen Seeds

Was genau wird hier eigentlich angebaut?


Es ist die Flachspflanze aus deren resistenten Stängeln die Leinen- bzw. Flachsfasern gewonnen werden. Übergeordnet zählt die Faser zu der Gattung der Bastfasern. Doch nicht nur für die Fasern, auch für die Samen der Pflanze bieten sich verschiedene Einsatzbereiche bzw. Verwertungsmöglichkeite, wie z.B. als ÖL, Protein oder eine Art Nektar - im Lebensmittelbereich sowie in Tiernahrung oder Medizinprodukten - oder, nicht zuletzt, als Leinsamenöl.

Vor- und Nachteile von leinen als Textilfaser


Verglichen mit anderen Bastfasern, wie z.B. Hanf oder Jute, ist die Leinenfaser gut teilbar und fein verspinnbar, wodurch sie sich für Kleidung und Bettwäsche hervorragend eignet. Die Leinenfaser ist glatt und das Leinengewebe schließt wenig Luft ein - folglich ist Leinen flusenfrei. Darüber hinaus ist die Faser von Natur aus bakterizid, schmutzabweisend und verfügt über gute antistatische Eigenschaften.

Zudem bietet die Leinenfaser, naturgegeben, ein gutes Feuchtigkeitsmanagement. Leinen nimmt bis zu 35 % seines Eigengewichts an Feuchtigkeit auf, ohne sich klamm anzufühlen, da die Fasern Feuchtigkeit recht schnell durch Umgebungsluft austauschen. Somit entsteht der kühlende Effekt von Leinen, welcher es zu einem besonders beliebten Sommer Gewebe macht.

Die Ansammlung bzw. Aufbewahrung des Wassers auf der Gewebeoberfläche ist gleichzeitig auch die Ursache der antistatischen Eigenschaft. Da Leinen Feuchtigkeit äußerst gut absorbiert, ist im Umkehrschluss zu berücksichtigen, dass es nach dem Waschen auch einer dementsprechend langen Trocknungszeit bedarf.

Die Leinenfaser ist sehr reißfest, gleichzeitig aber auch extrem unelastisch. So ist es auf der einen Seite äußerst formstark, strapazierfähig und langlebig, auf der anderen Seite aber auch besonders knitteranfällig. Allerdings sind Falten in Leinenkleidung kein Grund, sich zu verstecken - dieser Zustand wurde als “Edelknitter” salonfähig gemacht, da es gleichzeitig als offensichtliches Qualitätsmerkmal betrachtet werden kann.

Ebenfalls anfällig ist Leinen gegenüber Reibung. Leinengewebe weist eine geringere Scheuerfestigkeit als z.B. Baumwolle auf und sollte daher nur im Schonwaschgang oder per Handwäsche ohne Reibung gereinigt werden. Zuletzt sollte erwähnt werden, dass trockene Hitze das Gewebe schädigt, weswegen von der Verwendung von Trocknern generell abgeraten wird. Auch beim Bügeln sollte darauf geachtet werden, dass das Gewebe noch leicht feucht ist. Dies empfiehlt sich aus einem weiteren Grud - so stark wie das Leinen, sind leider auch die Falten, die das Material schlägt. Um sich den Bügelprozess zu erleichtern, empfiehlt sich daher auch das Material zu bügeln, wenn es noch ein Quäntchen Feuchtigkeit in sich hat.

Ansonsten ist Leinen recht resistent und strapazierfähig - Kochwäsche, Waschlaugen, chemische Reinigungsmittel oder hohe Bügeltemperaturen können dem Material nichts anhaben.

Coloured linen

Die Sache mit der Farbe


Beim Bleichen von Leinen ist Vorsicht geboten, da es bei einer Vollbleiche z.B. bis zu einem Fünftel seines Gewichts verlieren kann. Dies wiederum wirkt sich auch auf das Ergebnis des Färbeprozesses aus. Der ungebleichte, leicht beigefarbene Naturton von Leinen führt folglich zu weniger reinen Farbergebnissen. Es gibt allerdings verschiedene Färbemethoden, um auf diese Besonderheiten einzugehen.

Vor- und Nachteile im herstellungsprozess


Einst galt die Herstellung von Leinen als umweltschädlich, da Laugen im Produktionsprozess zum Einsatz kamen. Heute haben sich umweltfreundlichere Verfahren herausgebildet, die schonender für die Natur sind. Für den konventionellen Anbau von Leinen kommen grundsätzlich wenig Pestizide und mineralische Dünger zum Einsatz. Wird der Flachsanbau zudem unter kontrolliert biologischen Bedingungen durchgeführt, ist die Umweltbelastung dementsprechend nochmals geringer. Allerdings sind die Möglichkeiten eines umfassenden ökologischen Anbaus aufgrund der aufwendigen Ernte und Taurotte begrenzt. Taurotte, oder auch Tauröste, ist das gängigste und gleichzeitig umweltfreundlichste Verfahren, um das Gewebe vom Faserbündel zu lösen. Wie der Name vermuten lässt, bedarf es für diese Methode Tau, welcher in trockenen Regionen wie Ägypten z.B. nicht gegeben ist. Hier greift man zu diesem Zwecke auf die Warmwasserröste zurück, welche zur Entstehung von Abwässern führt, die die Umwelt schädigen können.

Bezeichnung und Qualitäten


Die CELC (European Confederation of Flax and Hemp) vergibt das masters of linen-Siegel, ein geschütztes Warenzeichen, für Leinenprodukte aus 100 % westeuropäischem Anbau, vom Feld bis zum Gewebe. Die vier Zeichen mit dem stilisierten „L“ stehen für Qualitäten von Reinleinen bis Halbleinen.

In Deutschland gelten laut Textilkennzeichnungsgesetz (TKG) die Begriffe Flachs oder Leinen für Bastfasern aus den Stängeln des Flachses (Linum usitatissimum). Aber auch Halbleinen ist ein geschützter Begriff für ein Mischgewebe aus Baumwolle und Leinen. Das übliche Mischungsverhältnis ist 50:50. Der dünne Längsfaden (Kettfaden) besteht aus reiner Baumwolle, der starke Querfaden (Schuss) besteht aus 100 % Leinen. Gemäß Textilkennzeichnungsgesetz muss ein als Halbleinen bezeichnetes Gewebe zu mindestens 40 % aus Leinen bestehen. Reinleinen muss hingegen in Kette und Schuss reine Flachsgarne enthalten. Das Kurzzeichen für den Faser-Rohstoff Flachs / Leinen ist LI (Anteile von Rohstoffen in Mischgeweben); nur 100 % Leinen darf als "Leinen, rein" bezeichnet werden.

Linen Close Up Header

Fazit

Leinen konnte in den 10.000 Jahren, die es vermutlich schon verwendet wird, durch nichts vollständig ersetzt werden. Und nicht, dass es sich in der heutigen Zeit einfach irgendwie über Wasser hält, nein es sieht nahezu nach einem Textil-Comeback aus. Denn Leinen passt dank seines natürlichen Ursprungs und einem recht umweltfreundlichen Herstellungsprozess gut in den weltweit zunehmenden nachhaltigen Lebensstil und ein immer bewussteres Konsumverhalten. Des weiteren bietet es eine Vielzahl nützlicher Eigenschaften und kommt in diversen Lebensbereichen Einsatz.

Folglich ist Leinen (wie fast jede Faser) für manche Produkte unersetzlich, während es für andere überhaupt nicht oder nur teilweise in Frage kommt.

Auch, wenn wir mit unserem Fokus auf Business Hemden und knitterfreie Stoffe anderen Fasern wie Baum- oder Merinowolle den Vorrang geben müssen, so schätzen wir die Eigenschaften von Leinen doch sehr und verarbeiten zumindest Anteile in unseren Geweben, um diesen mehr Formbeständigkeit zu verleihen, oder von den kühlenden, Wasser absorbierenden Eigenschaften Gebrauch zu machen.

Stefanie Rudolph